Kunst in Zeiten der Pandemie: lebenswichtig – Essay

Aus der Coronik der Künstlerin Susanne Kleiber – Gastbeitrag

Keine Ausstellungen. Keine Veranstaltungen. Keine Aufträge. Kein Aktzeichnen. Die Coronakrise schlug Mitte März auch bei mir voll ein und wirkte sich direkt auf meine Arbeit als Künstlerin aus. Allerdings ließ ich mich von der Krise nicht in die Untätigkeit verbannen, sondern nutzte kreativ die Zeit im Homeoffice um digitale Möglichkeiten des Zeichnens nach Modell auszuprobieren. Damit konnte ich auch meine figürliche Skizzen, die ich normalerweise wöchentlich in mein aus Zeitung gebundenes Skizzenbuch zeichne, auf ganze Zeitungsseiten mit aktuellem Corona-Bezug übertragen.

Mein kreatives Schaffen dokumentierte ich in der Zeit des ersten Lockdowns fast täglich in meiner sogenannten Coronik:

»Anfangs setzte ich den Figuren natürlich Masken auf. Später, als die Maskenpflicht etwas gelockert wurde, blieben die aussagekräftigen Überschriften, die mich zum Umdeuten anregen.«

Dank der Veröffentlichung der Blogbeiträge und der augenfälligen Zeichnungen in den sozialen Netzwerken wie Twitter und Instagram, durften einige der Illustrationen inzwischen schon deutschlandweit reisen, u.a. ins Haus der Geschichte nach Leipzig.

Die Pandemie konnte mich nicht davon abhalten, wie in den vorangegangenen Jahren, auch jetzt meinen Kalender zu gestalten. Mit dabei sind Zeichnungen aus meiner Coronik, die ich ebenfalls hauptsächlich über das Internet verkaufe, da auch die Märkte und Kunstveranstaltungen, die sonst vor Weihnachten stattfinden und eine nicht unwesentliche Einnahmequelle für mich als Künstlerin sind, abgesagt worden sind.

Seit langem schon setze ich in meiner Kunst neben anderen Materialien Zeitung als Collage in den Bildern ein. Das brachte mich dazu, die Skizzenbücher für das regelmäßige figürliche Zeichnen selbst aus Zeitung zu binden. Die Textfetzen sind während des Zeichnens oder Malens inspirierend und stellen das Ergebnis in einen neuen Zusammenhang.

„Bildende Kunst kann die Wirklichkeit auf eine Weise erfassen, wie es Sprache und Wörter nicht vermögen.“

Die Medienstadt Hamburg ist mein Zuhause. Und da ich mich für Worte und Bedeutungen ebenso begeistere, lag es nah, das Medium Zeitung in meiner Kunst zu verwenden. Damit erforsche ich auch das Besondere im Banalen und greift den daraus entstehenden Dialog auf. Spannend ist dabei der dynamische Prozess, der auch nach Fertigstellen einer Arbeit nicht endet – wenn der Betrachter in die Arbeit mit einbezogen wird.

Bei Leinwandarbeiten und Skulpturen entstehen durch Wiederholen und Aneinanderreihen von Bildern und Bildmotiven, aber auch durch den Einsatz von Collagen, unterschiedliche Realitätsebenen, die miteinander in Dialog treten und damit die Arbeit während des Schaffens beeinflussen. Die Spannung ist Teil der Arbeit.

Da die regelmäßigen Aktzeichen-Veranstaltungen im öffentlichen Raum aufgrund der Pandemie nicht möglich waren, machte ich mich auf die Suche nach Online-Möglichkeiten. Und diese Möglichkeiten sprangen ab März wie Pilze aus dem Boden. Zoom-Sessions aus den Metropolen der Erde boten sich an: London, Amsterdam, Washington, New York mit Modellen aus England, Portugal, USA und Zeichner*innen aus allen Teilen der Welt.

Zeichnen vom Bildschirm ist natürlich nicht mit einer Life-Session vergleichbar, da die Dreidimensionalität nicht wirklich gegeben ist – Perspektiven erscheinen anders als im tatsächlichen Raum, und der Kontakt zwischen Modell und Zeichnerin oder den Zeichner*innen untereinander ist ein anderer. Aber dieses gemeinsame Arbeiten mit Künstler*innen aus aller Welt ist eine neue Möglichkeit der Kommunikation, die ich nicht mehr missen möchte.

Das wöchentliche figürliches Zeichnen ist das Highlight meiner künstlerischen Tätigkeit, das ich seit meinem Studium mit kurzen Unterbrechungen praktiziere. In der Regel besteht zweimal die Woche die Gelegenheit, nach Modell zu skizzieren. Eine der Veranstaltungen organisiere ich selbst in Hamburg-Eppendorf, da mir ein reger künstlerische Austausch wichtig ist. Irgendwann geht es damit wieder weiter – da bin ich mir ganz sicher. Und bis dahin hat mir Kunst geholfen, die Einschränkungen durch die Pandemie gut zu überstehen, ja sogar neue kreative Möglichkeiten zu finden.

Weitere Coronik-Einträge und Werke:

die coronik – figuerliche zeichnungen

parallelleben/

wasserspiegel/

99 luftballons/

sprachlos und kalt/

kalender 2021/


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