Die Kraft des Erzählens – Rezension

Die Kraft des Erzählens – Flavius Ardelean: Der Heilige mit der roten Schnur

Die Handlung dieses Buches wurde erdacht und erzählt, um zu sagen, was in einer Welt voller Moder einzig von Wahrheit ist. Folgt man den Spuren im Morast der Worte, so stößt man unverhofft auf die Liebe, die einem das Fleisch von den Knochen löst, um einen völlig zu durchdringen. “Der Heilige mit der roten Schnur” ist ein gruseliger Fantasyroman, in dem Liebe und Freundschaft das einzig Wahre zu sein scheinen. Ob wahr oder un’wahr: In der WELT oder UN’WELT – so die Schreibweise im Buch – wird erzählt, um zu sein. Der Autor Flavius Ardelean (übersetzt: der Transilvanier) hingegen ist völlig real, auch wenn er aus einer mittelalterlich anmutenden Stadt am Fuße der Karpaten stammt, wo Geschichten zum Leben gehören und das Leben Geschichten schreibt. Fast schon folgerichtig legt Ardelean mit diesem Buch einen historisierenden Schauerroman vor, mit Lehren, die gerade heute von Bedeutung sind. Es ist definitiv sein Metier: Er wurde bereits zweifach mit dem rumänischen Colin Award für fantastische Literatur ausgezeichnet.

Bereits nach dem ersten Kapitel stellt sich ein Flow, ein ruhiger Erzählstrom ein. Ardelean überlässt es seinem Protagonisten, dem Skelett Bartholomäus Knochenfaust, die Geschichte des Heiligen, der sich aus dem Bauchnabel eine rote Schnur spinnt, zu erzählen. Dem Duo Flavius Ardelean und der Übersetzerin Eva Ruth Wemme gelingt es, Wort für Wort noch nie Gesehenes Bild für Bild deskriptiv an die Leser so zu übertragen, dass sie es sich trotzdem sehr gut vorstellen können. Mit alltäglichen Begriffen, wie zum Beispiel mit dem der Stille (S. 13f), wird so ein anderes, ein besonderes Gefühl assoziiert. In Kapitel 2 wird Weisheit mit Schmerz und Melancholie in einer Weise verknüpft, wie es bei einem Kleinkind nur in einem Gruselroman möglich und in seiner Aussagekraft beeindruckend sein kann:

„Aber die Weisheit und die Melancholie in den Augen des Jungen waren schwer, nur schwer erträglich für seine Mutter, die ein paar Tage lang ihrem Kind nicht in die Augen sehen konnte, wenn sie ihm die Stirn küsste oder ihn fest im Arm hielt.“

Die Abenteuer eines unscheinbaren Mannes, der mit Gefährten loszog, den schaurig schönen Ekel der WELT zu überwinden, um das Böse zu finden und zu vertreiben, ziehen die Leser durch ausdrucksstarke Bilder, die sacht, fast beiläufig aufgebaut werden, in ihren Bann. Autor und Übersetzerin erschaffen keine schöne Welt inmitten einer verdorbenen – das wäre doch etwas trivial. Sie beschreiben diese eklige Welt aber so furchtbar schön, dass klar wird: In allem Moder existiert etwas Schönes, das Hoffnung macht. Wenn Menschen in einer solchen UN’WELT ihren Mut, ihre Kreativität und Liebe nicht verlieren, dann werden sie diese nie verlieren. Denn „wo ein Tropfen Liebe ist, sei er noch so klein, da ist auch ein Ozean von Ewigkeit“.

Der Autor entwickelt seine Charaktere behutsam, wodurch mythische Eigenschaften gut vorstellbar werden und real wirken. Die Leserinnen und Leser folgen in einem linearen Erzählstrang mit Neugier, aber auch wachsender Sympathie, den Entwicklungen des Taush von seiner Kindheit, mit der Mutterliebe im Elternhaus, über die Lehrjahre beim Alten Tace, bis hin zur Liebe zu Katherina und der Freundschaftsbeziehung mit den Kameraden Danko Ferus und Bartholomäus Knochenfaust.

Während, beginnend mit Mary Shelleys Frankenstein und auch Bram Stokers Dracula, in vielen Romanen dieses Genres das Böse menschengemacht oder zumindest von Menschen ausgelöst worden ist, setzt Ardelean auf die Ambivalenz der WELT und UN’WELT. Da hat alles Gute ein böses Pendant und umgekehrt, so selbstverständlich wie Tag und Nacht, wie Ego und Alter Ego. Es ist da, bedingt sich gegenseitig. Erzählungen sind dafür da, um sich zu wappnen, tatsächlich auch, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen, als wäre das Leben eine self-fulfilling prophecy – Wahrheit entsteht Kraft des Erzählens, „Orte werden nicht gemacht, sondern geschehen“. Die großen Erzähler – heute: Redner – müssen die Mitmenschen überzeugen, rechtzeitig tätig zu werden, sonst droht nicht etwa der Klimawandel, sondern das Verderben.

Es gibt zahlreiche Textpassagen, die fester Bestandteil eines historisierenden Gruselstücks sind. Genauso gut können sie jedoch auch allegorisch ausgelegt werden. Man stelle sich vor, heutzutage über einen zermürbend untätigen Gemeinderat eine Glosse zu schreiben: „… er bestand nicht aus den Ältesten der Stadt, sondern aus den Allerältesten, älter ging es nicht mehr, sie waren so alt, dass sie tot waren. (…) Und nicht nur tot, sondern seit Langem tot“. Und wenn man meint, Ardelean hätte damit alles gesagt, da legt er noch eins drauf: „… tot und verfault, die Asche verstreut und die Knochen zermalmt.“

Das Buch bringt in Erinnerung, wie wichtig Erzählungen sind: „Taush wurde der beste Erzähler von Gaisterştat und die Menschen der Stadt lebten Tausende und Abertausende Leben in seinen Erzählungen, ohne dass sie in diesen zwei Jahren (…) alterten.“ (S.37) Mit dieser großartigen Kunst des Erzählens taucht man gedanklich in eine quasi zeitlose Welt ein.

Flavius Ardelean bedient sich einer aus elegischen Volksgedichten der Karpaten bekannten Schreibweise und Musikalität. Er schafft damit gleich zu Beginn geschickt eine archaische Atmosphäre, die in Rumänien aus der Volksliteratur vertraut ist. Der orale Charakter entspricht den von Alters her weiter erzählten Geschichten.

Der Roman übt auch auf jene, die sich nicht speziell für Gruselromane interessieren, eine gewisse Faszination aus, bereitet ein apartes Lesevergnügen, mal märchenhaft, mal schauerhaft, mit viel Liebe oder voller Ekel, spannend, aber zuweilen auch urkomisch. Jenseits der gelegentlichen gruseligen Effekte hebt und grenzt sich dieser Roman von gewöhnlichen Horrorschockern ab, verleiht einigen Teilaspekten einen tieferen Sinn, ist in seiner na rrativen Eigenart Literatur der Extraklasse – im Original wie auch in der deutschen Übersetzung.

Ardelean schafft in Übersetzung durch Wemme einen historisierenden Gruselroman, der in seiner Wirkung auf die Leser durch die langgezogenen Tusche-Zeichnungen von Ecaterina Gabriela auf ästhetische Weise verstärkt wird. Titelblätter zu den vier Romanteilen sowie typografisch hervorgehobene Abrisse zu Beginn der Kapitel suggerieren eine historische Chronik. Passend zum Titel ist das Buch mit rotem Lesebändchen ausgestattet und weist eine rote Fadenheftung auf. Dieses Buch ist in seiner Art ein kleines Gesamtkunstwerk. Dem Erlanger Indie-Verlag Homunculus ist in seiner frischen Reihe „lit*europe“ mit EU-Kofinanzierung ein wichtiger Beitrag gelungen, mit Augenmerk auf Osteuropa zeitgenössische Literatur zu verlegen, in der mit Elementen der Fantastik, Themen unserer Gegenwart reflektiert werden.

Für die Erarbeitung dieser Buchbesprechung hat der Verlag auf Anfrage Pressefahnen/Rezensionsexemplar dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

Flavius Ardelean: Der Heilige mit der roten Schnur
Übersetzung aus dem Rumänischen: Eva Ruth Wemme
Originaltitel: Scârba sfântului cu sfoară roșie
Homunculus Verlag, Erlangen, 2020
216 S., Preis: € (D) 22,00 | € (A) 22,50
ISBN 978-3-946120-90-2

„Es gibt bis heute Diktaturen aller Couleur. (…) Literatur kann das nicht ändern. Aber Sie kann, und sei es im Nachhinein, durch Sprache eine Wahrheit erfinden, die zeigt, was in und um uns passiert, wenn die Werte entgleisen.“ (Herta Müller bei der Nobelpreisverleihung 2009)