Konzentrat – Sarah Raich: Dieses makellose Blau – Rezension

Zur Online-Buchpräsentation dieses Sammelbandes mit Kurzgeschichten ließ die Verlegerin Nikola Richter der Lesung einen besonderen Programmpunkt folgen: Gemeinsam mit der Autorin Sarah Raich wurde anhand weniger Textstellen ein Eindruck typischer Lektoratsarbeit vermittelt. Bei einem Beispiel kreiste die Frage alleine um ein nicht allgegenwärtiges und zusätzliches Wort, einer Fragestellung, an der sich das Publikum im Chat online beteiligen konnte.

In Sarah Raichs Geschichten in einfacher, zuweilen lakonischer Sprache, geht es um jedes einzelne Wort: seine Auswahl, seine Platzierung im Satz wie auch im knapp, fast sparsam ausformulierten Gesamtkontext. Dieses Ringen mit möglichst wenigen, aber treffenden Worten möglichst viel zu erzählen, führt dazu, dass jedes Wort sitzt, als käme eine Alternative überhaupt nicht in Betracht. Die Buchseiten werden somit lücken- und makellos mit Text gestrichen. Dem Titel folgend: Ist es ein schönes Blau? Ist es ein kaltes Blau? Dunkelblau? Himmelblau? Ist es echt? Der Vorteil einer Sammlung von Kurzgeschichten ist, dass sich der athmosphärische Farbton innerhalb eines Buches mehrmals ändern läßt, ohne einen Stilbruch zu riskieren. Es wird nie langatmig oder gar langweilig.

Sarah Raich ist entsprechend den Verlagsangaben im ländlichen Niedersachsen und in Tirol mit viel Leere und Natur aufgewachsen. Sie studierte in Berlin Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und arbeitete als Kreative in Agenturen. „Dieses makellose Blau“ ist ihr Prosadebüt, wofür sie das Format der kompakten Kurzgeschichten gewählt hat. Anders als bei Erzählungen erschließt sich hier die Aussage des Textes nicht auf Anhieb, erhält die Leserschaft Freiraum, um aufgrund von Andeutungen zwischen den Zeilen zu lesen.

Bei Raichs Geschichten fühlt man sich unwillkürlich an das Bonmot von Roger Willemsen erinnert, wonach man das Leben nicht verlängern, sehr wohl aber verdichten könne.
Die Autorin verdichtet Lebensumstände ihrer Protagonistinnen konzentriert auf die Schilderung von Situationen. Es sind knappe, aussagekräftige Bilder, sowohl deskriptiv, als auch metaphorisch:

„Schwarz lag das Wasser vor ihr, wie ein breites Samt­band zwischen den Böschungen. Ihre Seite gepflastert und aufgeräumt. Auf der anderen Seite konnte sie das wilde Gestrüpp sehen. Sie wusste, dass es auch dort einen Weg gab, im Unterholz, aber zu erkennen war er von hier aus nicht.“

Bereits in der ersten Kurzgeschichte „Gin Tonic“ wird deutlich, dass treffsichere Wortwahl und starke Bilder in der Komposition von Sarah Raich der Leserschaft durchaus gedanklichen Platz einräumen, die Inhalte selbst weiter auszubauen. Anders als bei Erzählungen ist für dieses Format das offene Ende typisch. Eine Kurzgeschichte ist schnell gelesen. Das dabei in Gang gesetzte Kammerspiel der Gedanken dreht sich jedoch weiter um das Schicksal der Protagonistinnen; manchmal blättert man zurück, liest einige Sätze erneut. Sie erscheinen dann mitunter in einem anderen (Blau-) Ton, aber noch immer makellos.

Auch wenn der Buchtitel dem Titel einer der Kurzgeschichten entspricht, so läßt sich die Frage nach dem makellosen Blau programmatisch auch auf das gesamte Buch bezogen betrachten. Die Protagonistinnen vermissen in ihrem Leben eher die stabile Kontinuität eines durchgängigen, gnadenlos fehlerfreien Blaus, beziehungsweise lassen sie vermissen. Raichs Kurzgeschichten deuten an, welche besonderen Umstände dazu geführt haben oder welches sie sind. Sie nutzt beispielsweise einen angebotenen Drink beim blind Date um Leser*innen zu der Ursache eines tiefen Schmerzes und dessen Folgen zu führen, oder eine entlaufene Katze, um ein bereits in Unordnung geratenes Leben zu offenbaren, dessen seelische Tragweite sich erst zum Schluss erschließt. Selbst eine simple Geste mit der Hand reicht der Autorin als Einstieg in das dynamische Crescendo der Gedanken einer Frau über ihr folgenreiches Verhältnis zur Mutter. Es sind unterschiedlich stark einprägsame Geschichten, die harmlos, mitten im Alltag beginnen und gar nicht alltägliche Lebensgeschichten offenbaren. Frei nach Christa Wolf: Auch Unglückseelige bangen um ihr Glück. Hier, wenn man so möchte, ist es blau.

Dieses blaue Glück, oder Glücklichkeit verheißende Blau, kann in seiner Makellosigkeit auch täuschen. Ist es real? Ist Familienglück mit Kindern real und von Dauer, oder brandgefährdet? Sind Kinder glücklich, weil sie ahnungslos sind und ist die Mutter voller Angst, weil sie vorahnungsvoll ist? In der titelgebenden Kurzgeschichte zieht Raich kreativ alle Register, die sich im literarischen Format einer Kurzgeschichte bieten:

„Die Sonne ist hell, der Himmel blau. So blau, als wäre dahinter nichts, keine Schwärze, die auf die Nacht lauert. Er wirkt so echt, dieser Himmel über ihnen. Dabei ist nichts an ihm wahr. Er ist bloß eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.“

Sarah Raich stellt ausschließlich Frauen ins Zentrum ihrer Geschichten. Ist es deshalb das Buch einer Frau für Frauen? Ihre Geschichten machen betroffen und betreffen uns alle. Sie könnten aus der Nachbarschaft stammen. Trotz ihrer Thematik stimmen sie nachdenklich, sind aber kaum bedrückend, überlassen eine Wertung den Leser*innen. Wer sich für Menschen und Schicksale interessiert, bei der Lektüre gerne Mosaikhinweise zum Gesamtbild vervollständigt, wird diese Texte mögen und daraus anregende Gedanken mitnehmen.

Im deutschsprachigen Raum waren Kurzgeschichten in der Nachkriegszeit bis hin zur Gruppe 47 ein gängiges literarisches Format. Sarah Raichs Texte haben die Qualität die Gattung der Kurzgeschichte in modernem Antlitz aufleben zu lassen. Passender Weise sind sie beim Berliner Verlag mikrotext erschienen.

Für die Erarbeitung dieser Buchbesprechung hat der Verlag auf Anfrage Pressefahnen/Rezensionsexemplar dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

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Sarah Raich: Dieses makellose Blau, Geschichten
Verlag mikrotext, Berlin (2021)

E-Book/PDF/ePub: 7,99 €
ISBN 978-3-948631-07-9

Taschenbuch: 14,99 €
ISBN 978-3-948631-08-6


2 Gedanken zu “Konzentrat – Sarah Raich: Dieses makellose Blau – Rezension

  1. „Dieses makellose Blau“ ist für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre. Die Geschichten wirken nach. In einer Nacht gelesen und immer wieder entdeckt man neue Gedanken. Das Spiel der Worte ist sensationell.
    Und niemals Liedtexte googleln nachdem man(n) einen Korb bekam…!

    Absolut lesenswert, ideal als Auslage im Haus für Gäste und Geschenk für Freunde.

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