Sprachmalerei – S. K. Eismann: Das Paprikaraumschiff – Rezension

Den Begriff der Heimat tragen manche im Kopf, andere im Herzen und einige am Fuß, als Fessel der Vergangenheit. Heimat beschäftigt, ein Leben lang: weil man sie verlassen hat, weil man eine neue gefunden hat, weil man sie beibehalten will.

Sigrid Katharina Eismann verknüpft mit einem „Paprikaraumschiff“ die Vorgärten der Vergangenheit mit der Moderne. Damit ist sie als Reisende zwischen ihren Heimat-Welten unterwegs: dem rumänisch-kommunistischen Banat, dem westlichen Deutschland und dem wieder entdeckten EU-Mitgliedsland Rumänien.

An den knappen Schreibstil gewöhnt man sich schnell. Eismanns Sätze reihen sich flüssig aneinander. Ihre bildhaften Wortkreationen ersetzen ganze Nebensätze. Regionalismen tragen authentisch zur Vitalität der Schilderungen bei. Ihre Sprachmalerei läßt in diesen Prosatexten die Lyrikerin in Eismann durchscheinen.

Zu den wichtigsten Protagonisten der Ich-Erzählerin zählen Verwandte. Die Familie ist die einzige Konstante in Zeiten von Securitate-Bespitzelung und nowendiger gegenseitiger Hilfe. Es sind Zeiten, in denen ein Anruf im Westen zum Nervenkitzel verkommt:

„Vater stürmt in die Telefonzelle, hebt ab, lacht, brüllt in den mausgrauen Hörer – ein deutsch-rumänisches Kauderwelsch, so zwischen Kneipe und Krimi. (…) Versprecher führen zum Verhör im Hinterhof der Securitate. Dorthin bestellen Wortsezierer die Ausrutscher. (…) Im weltamputierten Rumänien sind Stimmen aus dem Westen Sternstunden.“

Eher beiläufig fügt die Autorin weitere Protagonisten aus dem Umfeld der Familie ein. Da ist in der Kindheit die halbungarische „Ab-und-zu-Freundin“ der Ich-Erzählerin, ihr barfuß kickender Bruder, der dribbelt, dass „die Zehen kollidieren„. Die serbischen Großmütter führen in der Nachbarschaft das „Männerregiment„, während deren Schwiegertöchter der Mangelwirtschaft trotzen. Die von ihnen produzierten Babyklamotten sind der Exportschlager für harte Devisen, während es in den Stadtläden die „Marke Rauhgrau für quengelnden Kinderscharen aus öden russischen Spielfilmen“ gibt, so dass Flauschfetzen durchs Werktor geschmuggelt werden müssen. Eismann benötigt nicht viele Worte um pointiert das Straßenbild ihrer Kindheit zu zeichnen.

Ebenfalls knapp gelingt es der Autorin auf anderthalb Buchseiten anhand eines Besuches des lokalen Traditionsrestaurants quer durch die Epochen Geschmäcker der Zeit zu vermitteln. Die Karikatur der Moderne anhand von „Dorfschönheiten mit falschen Gucci-Taschen“ in Espressobars zu zeichnen, wo selbst in kommunistischen Zeiten noch austro-ungarische Torten serviert worden sind, gelingt mit wenigen Mosaiktextabschnitten, wie im Flug. Diese Episoden sind Kurzkapitel, die, noch weiter verdichtet, Gedichte in Langform wären. Sie wechseln zuweilen zu blankem Sarkasmus, wenn Eismann kommunistische Mangelversorgung den Sonderkonditionen für Parteibonzen gegenüberstellt.

„Die Verkäuferinnen gähnen vor nackten Regalen, das Gebäck ist schnell vergriffen und schwer verdaulich. (…) Metzgereien sind Leere OPs. (…) Durch schmierige Kanäle bahnt sich die Butter eigene Wege in paradiesische Ecken (…) der roten Aristrokatie.“

Den bruchstückhaften Episoden aus der Kindheit im kommunistischen Rumänien folgen jene in der Dorfgemeinschaft und der Vorstadt der banater Metropole Temeswar, wo die Schuljahre durch die Ausreise nach Deutschland unterbrochen werden. Die dortige Eingliederung wird in den Schilderungen jenen der Entrechtung und Enteignung in den Nachkriegsjahren gegenübergestellt. Damit wird nebenbei begreiflich, was dazu geführt hat, dass die Banater Schwaben ihre angestammte Heimat und Gemeinschaft aufgegeben haben, um eine neue zu finden. Der Atlas der Ich-Erzählerin „liegt zwischen den Welten, in der Lücke zwischen Landler, Balkanova und Rhein-Main.“ So muss es sich anfühlen, wenn man eine alte und eine neue Heimat hat.

Frischgemüse aus den Gärten der Vorstadt

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Eismann greift offensichtlich auf eigene Erfahrungen zurück, hat aber keinen autobiografischen Roman verfasst. Die Episoden aus dem Familienleben sind allgemeingültig eingebettet in das Leben der Banater Schwaben mit zeithistorischem Hintergrund. Mit dieser Collage diverser Lebensstationen, Zeitsprünge und Ortswechsel hebt „Das Paprikaraumschiff“ aus der Vielzahl von Migrantengeschichten ab und bietet Lesevergnügen für alle.

Eismann fühlt sich offensichtlich nicht der Tradition ihrer Landsleute wie Hertha Müller, Richard Wagner, Johann Lippert verbunden. Diese rumäniendeutschen Autor*innen verarbeiteten Erlebnisse/Repressalien ihrer jüngsten Vergangenheit aus Rumänien und der Aussiedlung nach Deutschland, als wäre es deutschsprachige Exilliteratur in Deutschland. Viel eher reiht Eismann sich mit ihrem Debütroman bei Werken von Catalin Dorian Florescu, Yvonne Hergane oder Iris Wolff ein, worin gelegentlich auf mystische Bilder zurückgegriffen wird, statt einer möglichst detaillierten Schilderung des grotesken Alltags. Ebenfalls fein beobachtend gehen sie weniger analytisch mit Stilelementen eines Essays vor, sondern beschwingter, mit etwas Ironie papriziert. Eismann schreibt nicht vorwurfsvoll mit der Zeitgeschichte hadernd, sondern reflektiert eine von sympathischen Familienmitgliedern getragene Entwicklung inmitten von Dörflern und Städtern, kleinen Leuten eben, die sich als veritable Lebenskünstler herausstellen – hüben wie drüben. Sie fabuliert und hebt zuweilen aus dem chronologisch verlaufenden Raum-Zeit-Kontinuum ab, womit sie leichter nachvollziehbare Assoziationen schafft. Sie stellt mit diesem Kniff Geschehnisse gegenüber, die real lediglich getrennt voneinander betrachtet werden könnten.

Freunde reich ausgeschmückter Texte werden diese im vorliegenden Buch vermissen. Freude hingegen wird es Leser*innen bereiten, sich auf die außergewöhnliche Sprache dieses Episodenromanes einzulassen, um das Gefühl eines dynamischen Heimatbegriffes kennenzulermen.

Der poetisch anmutende Titel „Das Paprikaschiff“ lässt eher einen Lyrikband vermuten, was ursprünglich zusätzlich so angedacht war. Im Vorwort wird auf die charmante Entstehung dieses Titels eingegangen. Für einen Roman läuft die Autorin jedoch damit Gefahr, speziell banater Landsleute anzusprechen, was dem Buch nicht gerecht werden würde. Tatsächlich aber konzentriert sich dieser Roman auf eine multiethnische Region im südosten Europas, dessen Grenzen durch geschickt eingeflochtene Tupfer anderer regionaler Sprachen und Dialekte gesprengt werden. Es ist eine europäische Geschichte. Sie ist passender Weise im Ulmer Verlag danubebooks erschienen, der sich dem über Länder hinweg verbindenden Charakter der Donau zum Programm gemacht hat.

Für die Erarbeitung dieser Buchbesprechung hat der Verlag auf Anfrage Pressefahnen/Rezensionsexemplar dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

Sigrid Katharina Eismann: Das Paprikaraumschiff
danubebooks Verlag, Ulm, 2020
Hardcover, 160 S.
18,50 € [D] / 19,10 € [A]
ISBN 978-3-946046-18-9