Frage als Imperativ – Lavinia Branişte: Sonia meldet sich – Rezension

Sonia meldet sich„. Man könnte meinen, sie meldet sich, sobald sie nach langer Reise angekommen ist, mit neuen Erkenntnissen. „Sonia meldet sich, um eine Frage zu stellen“ – wie im Unterricht per Handheben, entsprechend dem rumänischen Originaltitel. Fragen über eine dunkle Vergangenheit gibt es viele. Man muss sich aber auch trauen, sie zu stellen.

Deutsche und rumänische Ausgabe

Lavinia Branişte hinterfragt. Sie schreibt bis heute Essays zu gesellschaftlichen Fragen. Sie hat sich dem sozialen Wandel verschrieben – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie wurde 1983 in Brăila, einer Großstadt nahe dem Mündungsdelta der Donau, geboren, erlebte nur als Kind die kommunistische Epoche des Diktators Ceauşescu, jedoch sehr bewußt die halbherzige Wendezeit danach. Mal lebt sie in ihrer Heimatstadt, mal in der Hauptstadt Bukarest, wo sie als Literaturübersetzerin sowie Autorin tätig ist. Ihre Essays erscheinen bei der Deutschen Welle. Zu den Veröffentlichungen der vielfach talentierten Braniste zählen Gedichte (2006), zwei Sammelbände mit Kurzgeschichten (2011 und 2014), drei Kinderbücher und zwei Romane (2016 und 2019). Ihre Kurzgeschichten wurden auch ins Englische, Französische, Portugiesische, Kroatische und Bulgarische übersetzt. Für ihren Debütroman „Interior zero“ („Null Komma Irgendwas“) erhielt Lavinia Branişte 2016 den Preis „Nepotul lui Thoreau“ für den besten rumänischen Roman des Jahres. Vor den Corona-Zeiten war sie als Stipendiatin des Hessischen Literaturrats zu Gast in Wiesbaden und Stipendiatin des International Writers’ House in Graz.

Branişte kennt Europa, kennt Rumänien, kennt das europäische Rumänien, kennt aber auch dessen Sonderweg in einer halbherzigen Wendezeit. Doch von politischen und gesellschaftlichen Aufgeladenheiten schreibt sie nicht. Statt dessen horcht sie zur Aufarbeitung früherer Zeiten in eine Mutter-Tochter-Beziehung hinein, in deren Seelenleben, und meldet sich zu Wort – nicht mit Antworten, sondern mit Fragen, die jede Generation einer Nachwendezeit stellt, ja Fragen stellen muss!

Später, wenn sie bei ihrer Mutter zu Hause ist, wird sie sie
fragen:
„Warum hast du mir gesagt, er sei tot?“ (Anm.: Sonias damals lebender Vater)
Und die Mutter wird mit einem strengen Gesicht und der seit der Scheidung kranken Leber antworten:
„Weil er damals für mich gestorben war.“

Branişte bringt die Vergangenheitsbewältigung, die in Rumänien eher einer Verdrängung entspricht, auf den Punkt:

Alle Menschen haben eine Vergangenheit. Und ab und zu wird ein Schlussstrich gezogen: Jemand stirbt oder du ziehst weit weg oder das Weitweg bricht über dich herein und macht dich verrückt, und es vergehen Jahre, du schaust zurück und hast den Eindruck, dass die Vergangenheit toll war. Das Gedächt­nis sortiert aus, damit es dich am Leben hält.

So verwundert es wenig, dass die Autorin eine Figur sagen läßt: „Es war nicht besser, aber uns ging es besser.“

Lavinia Branişte verflechtet geschickt Erinnerungen an die harten Zeiten kommunistischer Diktatur mit damaliger Gefühlskälte in der Familie der Protagonistin:

Von dieser Wut abgesehen, die sich in ihr aufgestaut hat, weil sie die Welt und die Männer nicht versteht, weil sie keinen Vater an ihrer Seite hatte, der seine Hand unter ihr Kinn legt, ihren Kopf leicht nach oben richtet, ihr in die Augen schaut und zu ihr „Papas schönes Mädchen“ sagt, scheint ihr die Vergangenheit, je weiter sie zurückschaut, umso besser ge­wesen zu sein. Ein Trick des Gedächtnisses.

Die Hauptfigur Sonia und ihr Partner Paul, Jungakademiker im Trubel der rumänischen Metropole, sind dabei, ihren Weg in eine Beziehung zu finden, von der Autorin spitzfindig und zugleich feinfühlig beobachtet:

Vor zwei Jahren, als sie sich ineinander verliebten, spürte sie, dass sie sehr viele Sachen von ihm lernen würde; vielleicht hat er sie gerade damit erobert: Er kam ihr intelligent (jetzt würde sie eher „belesen“ sagen) und entschlossen (jetzt würde sie eher „steif“ sagen) vor.

Die junge Generation befindet sich mit all ihren Nöten und Hoffnungen im Spannungsfeld zwischen Aufbruchstimmung und aktuellen Jobs mit Gefälligkeiten, um ihr Einkommen oder ihre Chancen aufzubessern. Mit den Worten der Autorin ausgedrückt: Paul fehlte noch das Durchhaltevermögen für „Lobtiraden und Knechtschaft„. Mittels einer Wortwahl wie dieser weist Branişte darauf hin, dass sich seit dem Ende der Diktatur kaum etwas geändert hat. Doch die Don’t-care-Generation rund um Sonia ist nicht in der Lage das zu erkennen. Für Sonia, „mit ihrer eigenen Igno­ranz bezüglich allem, was vor ihrer Geburt war,“ ist „die Vergangenheit ein Fass ohne Boden, gefüllt mit Fiktionen, die zu nichts mehr einen Bezug haben, aus dem man sich bedienen kann, ohne allzu viele Fragen zu stellen.“ Gesellschaftlich und beruflich Fuß zu fassen scheint wichtiger. Doch wie Kriechtiere aus dem Ablaufrohr kommt die Vergangenheit nach oben, Sonia „wird dann von einer Traurigkeit, die sie nicht kontrollieren kann, überrollt.“

Die Autorin schickt ihre Protagonistin mit einem ominösen Rechercheauftrag auf Reise in Raum und Zeit, während sie Leser*innen erkennen läßt, dass Sonia unmerklich mit den Geistern der Vergangenheit, im Land, wie auch daheim, aneckt. Doch Sonia spürt: Die althergebrachte Denkweise, der „Gedankenballast des Kommunismus„, beeinflusst ihre aktuellen Überlegungen und Handlungen. Sonia beginnt dem auf den Grund zu gehen. Neudeutsch gesagt: Don’t-care-Generation meets Vergangenheitsbewältigung at her best. „Sonia meldet sich“ ist die Geschichte einer Emanzipation in mehrfacher Hinsicht.

Den Ballast muss man sich eingestehen.

Die perfekte Orchestration von Thematik, Handlung, Charakterstudien inklusive des Milieus, der Gefühlswelt in fließender Relation mit dem zeithistorischen Hintergrund, einer (gut übersetzten) Sprache mit leichthändig erwähnten Erkenntnissen aus erdrückenden Retrospektiven – das alles zeichnet diesen klug durchdachten und flüssig lesbaren Roman aus. Gelegentlicher Sarkasmus wirkt bekömmlich. Dieser Entwicklungsroman einer jungen Frau auf dem Weg, sich von Vergangenheit und Mitmenschen zu emanzipieren, besitzt jenseits des Lokalkolorits Allgemeingültigkeit für jede Gesellschaft mit einem Bruch in ihrer jüngsten Geschichte. Das Buch verfügt über alle Zutaten für einen Bestseller – Nachwirkung inklusive.

Es spricht für den Berliner Mikrotext-Verlag bereits das dritte Werk von Lavinia Branişte der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen. Zwei ihrer Erzählungen übertrugen Anke Pfeifer und Ernest Wichner in 2019 unter dem Titel „Planet Romeo“ ins Deutsche. Die Romane „Null Komma Irgendwas“ sowie das vorliegende Buch erschienen in Übersetzung von Manuela Klenke, die zweisprachig im rumänischen Siebenbürgen aufgewachsen ist. Mit sicherem Gespür für die Atmosphäre im rumänischen Original weichen Satzbau und Wortwahl im Deutschen gelegentlich geringfügig ab – eine Anpassung an Lesegewohnheiten. Rumänen würden beispielsweise unumwunden sagen: „Er weiß, wie sehr es sie nervt, zu warten.“ („ştie că o enervează mult să aştepte.„) Die Übersetzung wirkt hingegen weniger derb: „Er weiß, dass es sie fürchterlich aufregt, zu warten.“ Manuela Klenke erweist Geschick im Umgang mit typisch rumänischen Begriffen, die sie unübersetzt übernimmt. Soweit sich deren Bedeutung nicht aus dem Kontext ergibt, finden Leser*innen im Glossar am Buchende eine griffige Erläuterung. Das gilt auch für Örtlichkeiten und historische Personen, die nur in Rumänien gut bekannt sind. Wie gesagt: Ein Buch in perfekter Orchestration aller Zutaten.

S.71: Pointierte Sätze in scheinbarer Einfachheit sind charakteristisch bei Lavinia Branişte

Kein Liviu Rebreanu, kein Lucian Blaga und schon gar kein authentisch profaner Marin Preda – Branişte schreibt modern, wohltuend losgelöst von traditionellen rumänischen Narationen. Ihre Absätze reihen sich beinahe als alternativlos folgerichtige Konsequenz aneinander; weder behäbig wie bei Nora Iuga, noch bedeutungsschwanger wie bei Norman Manea und schon gar nicht überfrachtet wie bei Mircea Cărtărescu. Vom Stil der Gabriela Adameşteanu grenzt sich Branişte durch pointierte Sätze ab, die ähnlich auch bei Carmen-Francesca Banciu und Dana Grigorcea vorzufinden sind. Mit Braniştes vorliegender Erzählung einer jungen Dame, die auf der Suche nach irgendwas im Gestern zu sich selbst im heute findet, ließen sich zahlreiche literarische Vorbilder für diesen Roman finden. Doch das wäre zu simpel. Branişte verwebt ganz und gar kreativ mit handwerklichem Geschick die Fäden des sozialen Umfeldes mit dem seelischen Gefühlsleben ihrer Protagonistin und macht damit den abstrakten Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft durch Sonia greifbar.

Lavinia Branişte: Sonia meldet sich
Originaltitel: Sonia ridică mâna
Übersetzung: Manuela Klenke
Mikrotext-Verlag, Berlin (2021)
ISBN 978-3-948631-09-3
15,99 € E-Book
ISBN 978-3-948631-10-9
19,99 € Taschenbuch (320 S.)

Weiterführende Infos:
Link zu den Infos

Hinweis: Das Buch in deutscher Übersetzung sowie die rumänische Originalausgabe wurden auf Anfrage dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

.

Dieses Buch wurde online im Rahmen einer sogenannten Remote-Show am 30. April 2021 der interessierten Leserschaft vorgestellt.

Während Gäste aus Osteuropa, Österreich, der Schweiz und natürlich Deutschland im Chatroom der Online-Show Fragen und Meinungen äußerten, wurden Autorin und Mitwirkende vorgestellt, Einblicke in die Übersetzungs- und Lektoratsarbeit gewährt und mit der Autorin über Hintergründe gesprochen. Lesungen in deutscher und auch rumänischer Sprache wurden mit Fotos, Hinweisen zu einem rumänischen Traditionsgericht und sehr ansprechender DJ-Musik aufgelockert. Die Teilnehmer äußerten sich nach der zweistündigen Veranstaltung rundum zufrieden und wünschten sich auch in Zukunft ähnliche Veranstaltungen mit Einblicken in die Lektorats- und Übersetzungsarbeit.

Mitwirkende:

Lavinia Braniște, Autorin
Manuela Klenke, Übersetzerin und Live-Cooking
Nikola Richter, Verlegerin und Moderatorin
George Pandrea, DJ
Tine Mothes, Lektorin
Tino Schlench, Interview
Anna Pia Jordan-Bertinelli, Live-Chat-Moderation
Daria Blum, Videotrailer

.


Ein Gedanke zu “Frage als Imperativ – Lavinia Branişte: Sonia meldet sich – Rezension

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s