„Bring Dein Buch mit“ – Der Literatursalon

Mit Büchern wird Vieles assoziiert. In »halten wir einander fest und halten wir alles fest!« ist zu lesen, wie Ilse Aichinger in ihrem ersten Brief an Ingeborg Bachmann diese zu sich einlädt: „Bring Dein Buch mit„. Gespräche über Bücher haben die beiden Damen so unterschiedlicher Herkunft in schwierigen Zeiten zusammengebracht, boten Inspiration für alle – ihre bei Suhrkamp verlegten Korrespondenz heute noch.

Über Bücher und Texte sprechen: Die Idee eines literarischen Salons aufgreifend kann das Gespräch über Bücher mit vorgeschalteten Lesungen, einem geführten Spaziergang durch die historische Altstadt, sowie einer Kunstausstellung oder einer musikalischen Darbietung erweitert, zu einem regionalen Event gestaltet werden, bei dem Bestehendes zusammenfindet und Neues entsteht.

Sven Buchsteiner und Bernhard Bauser luden ein und immer mehrere kamen, brachten ihr Buch mit, ihre Texte, trafen sich monatlich um daraus vorzulesen, zu debattieren. Aus diesem temporären Literatursalon in kleinem Kreise heraus, wurde bereits 2018 eine öffentliche  Lyriknacht veranstaltet, die Mitte Oktober 2021 auf die Seligenstädter Literaturtage in veritabler Salonmanier erweitert worden ist – ein Treffpunkt der südhessische Literaturszene. Flankiert wurden die Literaturgespräche abends vom Jazz-Duo FOX//GROH, am Folgetag mit Inga Rosenberg am Klavierflügel, sowie abschließend von einem historisch-literarischen Stadtspaziergang mit Martina Weih.

Textcollage: Bernhard Bauser und Katharina S. Eismamn

Es ist dieses persönliche Engagement, das neben den kulturellen Darbietungen auf hohem Niveau begeistert. Ein Hauch von Entdeckungslust auf literarische Appetizer kommt auf. Quasi in Sichtweite vom Trubel der Buchmessestadt Frankfurt nimmt man sich Zeit für das Wesentliche: das Buch selbst. In „mixed Genres“ der Literaturszene Hessen widmet sich Bernhard Bausers Lyrik mit Liebe zum Detail, aber ohne Pathos, seiner Wahlheimat Seligenstadt, während Katharina Eismann von ihrer entfernten Geburtsstadt Temeschburg im polyglotten Banat Rumäniens ein kreatives Bild sprachlicher Eigendynamik malt um abschließend auf Offenbach am Main einzugehen. Tamara Labas Poetik über Liebe ist sogar dann ergreifend, wenn sie ausnahmsweise auf Kroatisch vorgetragen wird. Ewart Reder folgt der Spur enger Beziehungen zu Menschen und Landschaften im „hinteren Kapitel der Berührung“ und berichtet im Nachgang im regionalen Bürgerfunk Radio X  über einige dieser Lesungen, die von Julia Mantel, Michael Bloeck und Harry Oberländer moderiert worden sind. Insgesamt 15 Autor*innen tragen zum Gespräch bei dieser Veranstaltung vor, die vom Hessischen Landesverband der Schriftsteller*innen und dem Skriptorium Seligenstadt ausgerichtet worden ist.

Ewart Reuter im Dialog über sein Buch / Plakat: Julia Mantel

Bleibt zu hoffen, dass der Literatursalon mit seinem starken Publikumseinbezug als hervorragende Ergänzung der klassischen Lesungen in Literaturhäusern vermehrt Anklang findet und weiteres literarisches Engagement fördert. Natürlich sind die Seligenstädter Literaturtage nur ein Beispiel von mehreren Veranstaltungen dieses Formates, das in den letzten Jahren an Zuspruch gewinnt. Im benachbarten Frankfurt findet unregelmäßig der Salon Fluchtentier statt – „Sammelstelle und Ausstrahlungsort für das dichterische Wort, abseits etablierter Institutionen„. Über die Region und Literatur hinaus gehen Einladungen der Frankfurter Faust Kulturstiftung für ihre Veranstaltungsreihe „Textland„. Dort kommen „literarische und journalistische Stimmen zu Wort, die unterschiedliche Narrative zu den wachsenden Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft präsentieren.

Zählt nur noch das eigene Profil? Der eigene Account mit attraktiven Fotos auf Instagramm, markigen Tweets und möglichst persönlicher Originalität auf Facebook, gefilmte Selbstgespräche und Monologe mit Zusatzvideos auf YouTube – all das sind Aushängeschilder unserer spätmodernen „Gesellschaft der Singularitäten„, in der gemäß Andreas Reckwitz insbesondere persönliche Einzigartigkeit Chance auf monetäre und soziale Anerkennung hat. Demgegenüber ist der Literatursalon ein wohltuend kreativer Kontrapunkt.

Fotos: Bernhard Bauser

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Textbezogene Bücher und Infos:

Seligenstädter Einladung: Erzählungen, Geheimnisse und Rezepte Herausgeber: Bernhard Bauser und Sven Buchsteiner Größenwahnverlag Frankfurt am Main, 2019 ISBN: 978-3957712684

Sigrid Katharina Eismann: Das Paprikaraumschiff danubebooks Verlag, Ulm, 2020 18,50 € [D] / 19,10 € [A] ISBN  978-3-946046-18-9

Tamara Labas: Durst der Krieger Liebesgedichte illustriert von Jens Lay mit einem Nachwort von Harry Oberländer LuBurn Verlag, Neu-Isenburg, 2021 96 S., 15,- € ISBN 978-3-9820547-2-8

Ewart Reder: Die hinteren Kapitel der Berührung Gedichte Traian Pop Verlag, Ludwigsburg, 2021 201 S., 18,50 € ISBN: 9783863563264

Ewart Reder: Moderation der Literatursendung „Wortwellen“ an jedem ersten Mittwoch im Monat auf Radio X:http://www.radiox.de/sendungen/wortwellen

Julia Mantel: Wenn Du eigentlich denkst, die Karibik steht Dir zu Lyrikband, Edition Faust, Frankfurt a.M., 2021 mit einem Vorwort von Paul-Henri Campbel l98 Seiten, 18 Euro ISBN: 978-3-9454-87-6

Harry Oberländer: chronos krumlov Gedichte Mit einem Vorwort von Wulf Kirsten Edition Faust, Frankfurt a.M., 2015 72 S., 18,- € ISBN 978-3-945400-06-7

Textland – Sammelband mit vorgetragenen Texten Herausgegeben von Ricarda Gleich auf Edition Faust, Oktober 2020 176 S., 12,- € ISBN 978-3-945400-84-5 (Anm.: Es sind auch die vorhergehenden Jahrgänge verfügbar.)

Alle Autor*innen und Künstler der Seligenstädter Literaturtage 2021 https://skriptoriumseligenstadt.de/2021/09/06/seligenstaedter-literaturtage-2021/

https://www.textland-online.de/

»halten wir einander fest und halten wir alles fest!« Der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Ilse Aichinger und Günter Eich Herausgegeben von Irene Fußl und Roland Berbig, Suhrkamp Verlag, Salzburger Bachmann Edition, 2021 Leinen, 379 S., 40,- € ISBN 978-3-518-42617-3

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten Suhrkamp Verlag, 4. Auflage 2021 Klappenbroschur, 480 S., 20,- € ISBN 978-3-518-58742-3