Tabu-Heft Nr. 5: MaroHeft – Rezension/Interview

Zur Verteidigung der Traurigkeit Das MaroHeft, die Heftreihe und Tabus als gesellschaftliche Leerstellen

Zerbricht der Mensch an der Welt, oder die Welt an der Menschheit? Steht diese Frage für Aphoristiker oder für Melancholiker? In MaroHeft #5 stellt sich Bettina Fellmann mit der Traurigkeit einem gesellschaftlich relevanten Thema, das einzelne Individuen betrifft, nur einzelne Individuen betrifft – nur?

Traurigkeit ist im Regelfall etwas strikt Persönliches, betrifft keine ganzen Gruppen oder gar Nationen und doch kann es jeden und damit wiederum alle treffen. Warum wird dann damit so umgegangen, als wäre sie eine Untugend, über die man lieber nicht redet? Der MaroVerlag ist bekannt auch für Tabubrüche. Traurigkeit wird nun in einem facettenreichen Essay thematisiert, gespickt mit aphoristischen Formulierungen, begleitet von minimalistisch-kunstvollen Graphiken von Rebekka Weihofen. Soll hier etwa Leid kreativ inszeniert werden? Oder ist es einer dieser gängigen Appelle zum Wohlfühlgedöns im künstlerisch gestalteten Heftchen mit Fadenbindung, haptisch hochwertig, mit Schutzumschlag? Nein.

Tabubrüche sind rasch vollzogen. Darüber hinaus aber gern vermiedene Themen der Leserschaft dennoch näherzubringen – nicht nur damit sie sich damit vertraut machen, sondern um sie zu akzeptieren, sich damit anzufreunden, sich dafür sogar einzusetzen – bedeutet, ein kleines Kunststück in Heftformat zu vollbringen. Doch der eigentliche Tabubruch dabei ist der Aufruf, das System zu revolutionieren. Es ist ein Aufruf „Zur Verteidigung der Traurigkeit“, wie es im Titel heißt. Der Untertitel „Ein erschöpftes Heft“ generiert bereits am Cover Neugier für diesen Essay, wirft er doch die Frage auf, wie ein revolutionärer Gedanke in einer kraftlosen Phase zur Geltung verholfen werden soll. Paradox. Doch Bettina Fellmann weiß aus ihrer langjähriger Berufserfahrung als Krankenschwester, wovon sie schreibt. Sie zieht in ihrem Essay die Philosophen der 68er Zeit heran, verknüpft Menschliches mit Sozialem und Theoretischem – und schafft Politisches.

Abendlektüre

Der Mensch als Blaupause seiner selbst: Die klar konturierten blauen Stiftzeichnungen regen an, den im Raum still gestellten Menschen, oder auch wie er sich darin verrenken muss, auf einen Blick zu empfinden. Die Illustrationen von Rebekka Weihofen wecken das Bedürfnis aufzubegehren.

Dem Trio von Autorin, Graphikerin und Verleger*in ist es gelungen, einem wichtigen Thema den adäquaten Raum zu geben: in MaroHeft #5. Was steht hinter der gesamten Heftreihe?

Frage (F): Liebe Sarah Käsmayr, Sie leiten nun in zweiter Generation noch gemeinsam mit dem Gründer Benno Käsmayr den MaroVerlag, den Verlag, der Charles Bukowski nach Deutschland brachte. Darf man das so sagen?
Antwort (A): Das stimmt so nicht ganz. Nicht Maro hat Bukowski nach Deutschland gebracht, sondern der Übersetzer Carl Weissner, der einzelne Gedichte von Buk in der Literaturzeitschrift Gasolin 23 abgedruckt hat. Mein Vater, Benno, fragte Weissner, ob es nicht möglich sei, ein Buch von Bukowski zu machen. Mit diesem Band dann, »Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang«, wurde Bukowski in Deutschland bekannt. Doch zeitgleich, also ebenfalls 1974, erschien auch »Der Mann mit der Ledertasche« bei KiWi. Und bereits 1970 hatte der Joseph Melzer Verlag »Aufzeichnungen eines Außenseiters« verlegt, was allerdings trotz guter Besprechungen ein Flop war. Dass die ersten Bukowski-Titel bei Maro so erfolgreich waren, sorgte für den Ruf, Maro hätte den Dirty Old Man nach Deutschland gebracht. Tatsächlich waren aber mehrere Verlage beteiligt, mit unterschiedlichem Erfolg.

F:  Dirty Old Man Bukowski, seine Lebensweisheiten und der Alkohol – nicht unbedingt gesellschaftstauglich, dennoch erfolgreich, gut und wichtig. Ist das weiterer Ansporn, sich programmatisch Tabuthemen zu widmen, oder welche Motivation steht (noch) dahinter?
A: Dieses Interesse zieht sich abseits von Bukowski durchs Programm, zum Beispiel auch mit Pia Klemps Roman »Lass uns mit den Toten tanzen« über die Seenotrettung im Mittelmeer. Dass in unserer neuen Reihe, den MaroHeften, auch Tabus thematisiert werden, liegt an dem persönlichen Ärger darüber, was in der Gesellschaft für Meinungen oder Leerstellen kursieren und in welchem System wir uns bewegen müssen – das zum Beispiel in Bettina Fellmanns Aufsatz beschrieben wird.

F: Die MaroHefte werden nun im zweiten Jahr verlegt. Wie kam es zu dieser neuen Reihe?
A: Die Idee zur Reihe kam von Kolja Burmester, der die Gestaltung der inzwischen eingestellten Reihe »Die tollen Hefte« mit Essays verbinden wollte. Wir kennen uns aus dem Studium und diskutieren sozusagen seit über zehn Jahren über die Dinge, die uns begeistern und darüber, was uns fertig macht in dieser Welt. Für die MaroHefte ist uns wichtig, dass die Themen so geschärft sind, dass sie in unserem Format funktionieren: auf 32 Seiten mit Illustrationen sowie beiliegendem Plakat. Jedes Heft soll sich nicht nur schön anfühlen und gut gestaltet sein, sondern inhaltlich überraschen und den Diskurs ergänzen.

F: … eine plakative Formulierung. Wie ist sie zu verstehen? A: Nehmen wir als Beispiel das Heft #4 »Die Legende von den Strippenziehern« von Peter Bierl: Über Verschwörungstheorien gibt es dicke Bücher, und es lässt sich täglich in den Medien darüber lesen. Das Heft wirft einen anderen Blickwinkel auf die Thematik: Es analysiert das Denken hinter den unterschiedlichen »Verschwörern« und zeigt, wie anschlussfähig es in der bürgerlichen Gesellschaft ist und wo Gemeinsamkeiten von rechten und esoterischen Gruppierungen zu finden sind. Der Untertitel »Ein ideologiekritisches Heft« lässt ahnen, in welche Richtung das geht. Es ist eine unangenehme Betrachtungsweise, da sich dabei jeder selbst fragen muss, bei welchen – teils polemischen Ansichten – die Verschwörung auch im eigenen Kopf im Hintergrund spukt. Katharina Kulenkampff hat »seltsame« Welten dazu gezeichnet und für das beiliegende Plakat ein großartiges Planetensystem, in dem die Erde eine Scheibe ist und angekurbelt werden muss …

MaroHefte (Verlagsinformation)

F: Nun in der Maro-Heftreihe das Thema Traurigkeit, das ähnlich wie der Mythos vom Jungfernhäutchen oder Fragen zur Fäkalienentsorgung im Alltagsdiskurs eher vermieden wird. Was können Abonnenten der vier jährlichen MaroHefte zukünftig erwarten?
A: Auf jeden Fall immer Überraschendes! Das nächste Heft wird sich einem historischen Moment widmen: Der Begegnung von Albert Einstein und Philipp Lenard. Einstein wurde in den 1920ern von führenden deutschen Physikern brutal angegriffen, da seine Relativitätstheorie ihr Weltbild ins Wanken brachte. Das ist jetzt 100 Jahre her – Analogien zur Gegenwart, Stichwort Fortschrittsfeindlichkeit und Antimoderne, liegen leider auf der Hand. Außerdem planen wir ein noch visuelleres Heft, eine Art gezeichneten Bilderessay, der fast ohne Worte auskommt. Abonnent*innen der Reihe werden darüber hinaus jedes Jahr mit einer signierten und nummerierten Originaldruckgraphik beschenkt.

F: Als Verlegerin achten Sie auf Trends, sind sowohl nah an der Leserschaft, als auch an den Autor*innen. Welche Rolle spielen jenseits der lang angebahnten Buchpublikationen die MaroHefte für Ihren Verlag?
A: Die MaroHefte verknüpfen auf andere Weise als unsere Romane oder Bände mit Kurzgeschichten und Gedichten, was mir ein Anliegen ist: Publikationen zu erschaffen, die inhaltlich spannend sowie haptisch schön sind. Politisches war immer auch wichtig und Teil des literarischen Programms, es spielt in den Heften nun aber eine größere Rolle und somit auch für das Profil des Verlags. Jedes Projekt ist das Resultat einer intensiven Zusammenarbeit mit den Schreibenden und Zeichnenden – über Wochen hinweg – bis ein Heft entsteht, bei dem, hoffentlich, alles stimmt: Gestaltung, Lesbarkeit, Zusammenspiel von Schutzumschlag, Umschlag und Layout, Farbauswahl und natürlich auch: Die Farbe des Fadens, mit dem das Heft gebunden wurde. Wir bewegen uns mit den MaroHeften zwischen Fanzine und Künstlerbuch, sie sind aufwendig produziert in kleinen Auflagen, sodass die Ausgaben – leider – auch ihren Preis haben. Es liegt außerdem immer noch etwas bei: Meistens ein Plakat, eine Postkarte oder ein Lesezeichen. Diese Kunstwerke gibt es dazu, sie gehören zum Gesamtpaket.

F: Kürzlich rezensierte ich die thematische Anthologie „Brotjobs & Literatur“ des Verbrecher-Verlages, wonach der Literaturbetrieb für sehr viele Autor*innen nicht besonders auskömmlich ist, was als beschämend empfunden wird, obwohl Literatur auch eine Herzenssache ist. Für Independentverlage dürfte es ähnlich schwierig sein. Um auch dieses Tabu zu brechen: Welches ist denn Ihr zusätzlicher „Brotjob„? Wie bringen Sie ihn in Einklang mit Ihrer Publizistik?
A: Ich bin Graphikerin und verdiene mein Geld unter anderem damit, dass ich für Kollegenverlage Bücher setze, zum Beispiel für den Verbrecher-Verlag, mikrotext oder zuletzt auch den Arco-Verlag. Außerdem arbeite ich als Setzerin hin und wieder in der Wochenzeitung Jungle World. Meine typographische Spielwiese ist die Literaturzeitschrift metamorphosen, die ich seit 2019 gestalte. Auch von diesen Jobs wird man nicht reich, aber ich kann mir keine bessere Zusammenarbeit wünschen als mit diesen Menschen aus der unabhängigen Literaturwelt.
F: Herzlichen Dank für das digital geführte Ferngespräch.

Bettina Fellmann: Zur Verteidigung der Traurigkeit 
Ein erschöpftes Heft · MaroHeft #5
Illustriert von Rebekka Weihofen
MaroVerlag, Augsburg, 2021
Fadengeheftet mit Schutzumschlag und beiliegendem Plakat
36 S., 16,– €
ISBN 978-3-87512-620-4

Weiterführende Informationen des Verlages

Hinweis: Das Rezensionsexemplar wurde auf Anfrage unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

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