Statusmeldungen ergeben „Die ganze Geschichte“ von Aboud Saeed – Rezension

Geschichten, die das Leben schrieb – eine häufig für besonders authentische Stories bemühte Formulierung. Sie erhält im Zeitalter sozialer Netzwerke eine neue Bedeutung, sobald bereits verfasste Blogbeiträge und selektierte Statusmeldungen redigiert eine richtig gute, eine ganze Geschichte ergeben. Sie fügt sich aus tagebuchartigen und intuitiven Einträgen sowie Kurztexten zusammen, die zeitnah unter dem Eindruck der Geschehnisse verfasst worden sind, völlig befreit von einem Plot und unbeeinflusst von Überlegungen zu Folgetexten, geschweige denn von einem Buchende, auf das zugesteuert wird. Die Chronologie dieser persönlichen Timeline ist die einzig verbindende Konstante. Das alles macht den Reiz aus, diese ganz und gar authentisch entstandene Geschichte aus unserer Zeit zu lesen.

18. Januar 2012 um 23:41 Uhr
Ich schreibe keine Lyrik / Ich sage die Wahrheit.

18. Januar 2012 um 23:55 Uhr
So lange haben wir gelogen, dass man unsere Ehrlichkeit schon für Lyrik nimmt.“

Biographisch inspiriert gewährt der Autor einen Blick aus nächster Nähe auf (s)einen schicksalhaften Weg fort von Syrien mit Ankunft in der deutschen Gesellschaft, wo „alle um mich herum (…) Ausländer“ sind. Aboud Saeed feine Beobachtungsgabe und spitze Feder ermöglicht der Leserschaft alles nachzuempfinden. Man kann richtig nachfühlen, wie es ist, den Blicken der Arbeitskollen ausweichen zu wollen, wenn in Radionachrichten von der alten Heimat, von Syrien berichtet wird. Fluchtartig zieht er sich mit dem Gang zur Toilette zurück, um als Mensch nicht auf seine Herkunft und der dortigen Diktatur reduziert zu werden. Ferner wirkt es, als ob man nachgeäfft wird, wenn mit völlig überzogener „Hyperhumanität“ deutsche Bekannte unbeholfen so zu speisen versuchen, wie sie meinen, dass es in Syrien der Fall ist. Doch auch beim Verhalten der eigenen Landsleute nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund. Nachdenklich, abgedreht, süffisant, provokant und immer wieder spritzig verfasst führt sein Sarkasmus – bei aller Ernsthaftigkeit der Thematik – zu einem Lesevergnügen. Mitunter wird die Grenze zum Zynismus überschritten, was menschlich, aber nicht böse wirkt.

Von rechts nach links schreibt es sich kürzer als auf deutsch. Sandra Hetzl übersetzte bereits zahlreiche Autor*innen und ist aktive Gründerin des Literaturkollektivs 10/11 für zeitgenössische arabische Literatur.

.

Acht Jahre nach seinem Debüt „Der klügste Mensch im Facebook“ hat Aboud Saeed nun die „Die ganze Geschichte“ und damit ein bis Januar 2021 fortgeschriebenes Update vorgelegt. Der zweisprachige Druck erweitert nicht nur den Leserkreis, er rückt ihn auch zusammen. Bei der Onlinepräsentation des Buches schaltete die Verlegerin Nikola Richter zur arabischsprachigen Lesung des Autors die Übersetzerin Sandra Hetzl und den berliner Buchhändler für arabische Literatur Fadi Abdelnour hinzu.

Aboud Saeeds pointierte und durchaus auch unterhaltsame sogenannte Facebookliteratur ist ein so einfaches wie wirkungsvolles Erkenntnisinstrument für unsere Gegenwart rund um das Thema Migration und Zusammenleben. Auf unkonventionelle Art entlarvt er anhand von Alttagssituationen eines jungen Facharbeiters in Syrien und dann in Deutschland allzu menschliche Schwächen und Klischees in beiden Gesellschaften und offenbart deren kontrastreiche Unterschiede, „vom Land des Todes zum Land der Biokost.“
Like ❤

Aboud Saeed: Die ganze Geschichte
Zweisprachige Ausgabe, Deutsch
Übersetzung: Sandra Hetzl
mikrotext, Berlin, 2021
Taschenbuch, 372 Seiten
ISBN: 9783948631147
Preis: 23 Euro | eBook: 9,90 Euro

.

Hinweis: Das Rezensionsexemplar wurde auf Anfrage dankenswerter Weise kostenfrei zur Verfügung gestellt.