Das Gedichtheft: ein Plädoyer – Essay

Wird Adrian Kasnitz im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus nach der Anzahl der Publikationen unter dem Label parasitenpresse gefragt, so kann er das nicht mehr mit Gewissheit sagen: ab hundert hat er aufgehört mitzuzählen. Die Anzahl der eigenen Gedichtbände, freilich, kennt er und er hat sie durchnummeriert. Als wäre beim Schreiben der kreative Prozess ins Stocken geraten, weist das Cover seines „Kalendarium #7“ ein Strichleinmuster mit Kugelschreiber auf grobem Notizpapier auf. Niemand vermag zu sagen, wie ein Gedicht gelingt. Gewiss aber ist: Es findet häufig im Notizheft seinen Anfang. Das geschriebene Wort zählt und das gilt es zu verbreiten.

Dafür legte Adrian Kasnitz die Lyrik aus Notizheften in „Lyrikhefte“ zusammen, die jahrelang wie kopiert und zusammengetackert erschienen. Einige davon führten später zu gewachsenen Gedichtbänden. Nora Zapf begann 2018 mit „rost und kaffeesatz„, dem letzten Lyrikheft in jenem Format, und legte drei Jahre später mit „Dioden, wie es Nacht (vierhändig)“ nach. Thorsten Krämers Debüt „The Democratic Forest“ – einer aus Fotos abgeleitete Poetik – erschien 2008 als Lyrikheft. Jenes Projekt ist für den Autor heute noch impulsgebend. Inzwischen haben mehrere Autor*innen der parasitenpresse Auszeichnungen und Förderpreise erhalten.

So fing alles an, hielt alles an:
Zum Tagesanfang kam zum Frühstück das Marmeladebrot auf das Brettchen, erinnert sich Adrian Kasnitz in der thematischen Anthologie „Brotjobs & Literatur„. Da ist die Frage naheliegend: Was spielt es für die erste Mahlzeit des Tages für eine Rolle, ob es ein Brettchen oder feinstes Porzellan war?

Adrian Kasnitz (rechts) im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus, Dez. 2021 (Screenshot)

Kleine Indieverlage wie die Kölner parasitenpresse sehen in ihrer publizistischen Tätigkeit tatsächlich eine „künstlerische und soziale Praxis“. Beim Buchkauf auf etablierte Verlagsnamen großer Häuser zu achten ist eine selbstauferlegte Einschränkung, die mutigen, experimentellen Texten wie in „rost und kaffeesatz“ von Nora Zapf bei parasitenpresse nicht gerecht käme.

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Buchbesprechung von Brotjobs & Literatur

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